Die Küche, die nicht herausgerissen werden musste
Aktiver Holzwurm in einer frisch eingebauten Maßküche. Keine Chemie, kein Abriss — sondern ein Wochenende Wärme, auf ein halbes Grad geregelt.
Die Küche war fertig: massive Esche, eine Marmorplatte, frisch lackiert. Vier Monate später erschienen frische Löcher im Holz. Aktiver Holzwurm — eingeschleppt mit einer Partie Esche, die laut Lieferant behandelt und sicher war. Der Kunde, eine junge Familie, wollte verständlicherweise keine chemische Bekämpfung im Haus. Und über allem hing die Frage, die niemand laut stellen wollte: Muss das alles wieder raus?
Spezialisierte Firmen gab es, aber die Angebote gingen in die Tausende, und die Marmorplatte war in jedem Szenario ein Risikoposten. Es gibt einen anderen Weg, bekannt aus der Restaurierungswelt: Wärme. Holzwurm — die Larven und die Eier — überlebt nicht, wenn der Holzkern eine halbe Stunde über 58 Grad verbringt. Aber Holz, das zu schnell oder zu trocken erhitzt wird, verzieht sich und reißt. Genau das, was man bei einer Küche mit Monaten Arbeit darin nicht will.
Also habe ich die Küche nicht herausgerissen, sondern eingepackt: luftdicht, an Ort und Stelle, in der Wohnung. Zwei Elektroheizer an der Starkstromsteckdose der Küche selbst, ein Dampfgenerator daneben, und überall Messpunkte: vier Temperaturfühler tief im Holz an strategischen Stellen, Feuchte- und Temperatursensoren innen und außen, und ein selbst gebautes Pitotrohr, das den Luftstrom misst. Die Steuerung: dieselbe Software, die auch Wärmepumpen und Ladegeräte führt — Homer, mit einer Regelung, die ich eigens dafür schrieb.
Der Prozess ist langsam, und das ist Absicht. Aufheizen mit zwei bis drei Grad pro Stunde, während Dampf die Luftfeuchtigkeit konstant hält, damit das Holz nicht austrocknet. Dann warten, bis jeder Fühler im Holz dreißig Minuten über 58 Grad verbracht hat — nicht der Raum zählt, sondern der Kern. Und danach genauso beherrscht abkühlen, in Stufen: erst Rezirkulation über einen wassergekühlten Konvektor, dann Außenluft, zuletzt Leitungswasser. Währenddessen rechnet das Pitotrohr aus, wie viel Feuchtigkeit abgeführt wird; das Log hält fest, wann welcher Kern auf Temperatur war.
Ich habe an jenem Wochenende danebengesessen. Genug ging nicht auf Anhieb gut — ein Dampfgenerator, der über eine Stunde aussetzte, eine Regelung, die zu eifrig kühlte — und genau deshalb war alles so gebaut, dass ich dort neu starten konnte, wo der Prozess stehen geblieben war.
Der Holzwurm ist tot. Die Küche steht noch, der Marmor ist heil, und kein Tropfen Gift war im Spiel. Der Fehler kam von außen; die Lösung konnte aus dem eigenen Haus kommen, weil Möbelbau und Messen-und-Regeln hier zufällig im selben Haus wohnen. Keines der beiden Gewerke allein hätte das so lösen können.